FEALs

Eine Geschichte für Afelia

21·1·2012 — Epik und Lyrik8 Kommentare

Ich muss hier für die Erklärung etwas ausholen. Am Donnerstag war Afelia bei Maybrit Illner. Ich wollte die Sendung unter anderem bei Twitter verfolgen, wusste den Hashtag nicht und hab deswegen nach “@Afelia” gesucht. Dort wurde dann unter anderem ein Video von Peter Kruse über Kreativität verlinkt, das Afelia mal gepostet hatte. Das war sehr schön; ich hab mich dann, nachdem ich mich gehörig über Maybrit Illner geärgert hatte, an den sehr intelligenten Youtube-Interviews mit Peter Kruse erfreut. Eine der Kernaussagen des geposteten Kreativität-Videos war auf jeden Fall: “Man kann nicht auf Kommando kreativ sein.” Entsprechend habe ich mich über den Zufall gefreut, als sie dann am folgenden Tag um 14:26 getwittert hat:

Erzählt mal was Kreatives, aber nur in 140 Zeichen, keine Links. #Experiment

Auf Kommando kam da natürlich nichts, (und dass ich immer am Peter Kruse denken musste, wenn ich an was halbwegs Kreatives gedacht habe, hat auch wenig geholfen,) aber ich hab das mal so im Hinterkopf behalten, und während ich tagträumend mein Zimmer aufgeräumt habe, kam mir so um 17:00 folgender Satz und sogleich auch der Rest der Geschichte in den Kopf. Wie das halt so ist, er war einfach da und ging nicht mehr weg:

@Afelia Es tat sich eine ungewöhnliche Schönheit auf in diesem Gedanken, und von da an hatte Rewan keine Angst mehr vor seinem kranken Kind.


Die Antwort von Afelia war dann:

@FealWilde ICH WILL DEN GEDANKEN WISSEN!

Daraufhin schrieb ich:

@Afelia Hat was mit seiner Frau, den Anschuldigungen und Tarin zu tun, mehr passt leider nicht in 140 Zeichen. Aber bei Gelegenheit gerne.

Dann aber, liebe Festgesandten, ging mir die Geschichte erstens nicht mehr aus dem Kopf, und zweitens hatte Afelia schon gestern morgen geschrieben:

Ich melde mich bis nächste Woche krank. Es geht grad nicht mehr.

Und wenn man krank ist, soll man im Bett liegen und schlafen und lesen.
Also, damit sie Lesestoff hat, den Gedanken weiß und ich die Geschichte aus meinem Kopf bekomme, habe ich sie niedergeschrieben. Folgt umgehend, viel Spaß, und ich freue mich über so gut wie jegliche Kommentare. :)

Das kranke Kind.

Wenn man auf der Straße nach Kamwin ungefähr auf der Höhe des Flusses Vers einem kleinen Wegweiser folgend rechts abbiegt, anstatt mit den Händlern weiter nach Norden zu ziehen, gelangt man nach etwa zwei Stunden nach Felorn. Felorn ist ein kleines Dorf mit vielleicht fünf oder sechs Höfen und einigen Hütten für die Flussleute, die vom Fischen und seltsamen Geschäften leben. Zum Zeitpunkt dieser Geschichte aber bestand Felorn aus einem Hof mehr, und jene Hofbewohner, die heute mürrisch und zugeknöpft jeden Reisenden aus dem Dorf scheuchen, waren vor zehn Jahren noch herzliche Menschen, die Heufeste feierten und zusammenhielten und sich mit den Flussleuten gut verstanden.
Und vor diesen zehn Jahren beschloss der junge Holzfäller Rewan, nicht mit seinen Kameraden nach Kamwin zu reisen, um dort über den Winter das Verdiente auszugeben, sondern dem kleinen Wegweiser zu folgen.

Bis Rewan zwei Stunden entlang des Flusses Vers dem Trampelpfad nach Felorn gefolgt war, war es dunkel geworden, und so kam er in ein schwarzes Dorf, das aus den Laternen der Flussleute am Ufer zu seiner Linken und den glühenden Fensterscheiben der Höfe auf der Anhöhe zu seiner Rechten bestand. Leise trug die späte Septemberkälte die Lieder der Flussleute mit sich, und in der klaren Weite konnte man mit einiger Anstrengung die Schemen der Stadt Kamwin ausmachen.
Rewan wandte sich vom Anblick der Stadt ab und ging zum ersten der Höfe. Das grauverwitterte Holz schluckte alles Licht, und so schien es, als würden die wenigen beleuchteten Butzenfenster der Stube im Nichts der sternenlosen Nacht schweben. Schüchtern beugte er sich über eine mit Sägespänen bedeckte Bank und klopfte behutsam an den Rahmen eines der kleinen Fenster. Mehr als Spitzenvorhänge konnte er nicht ausmachen; die Scheiben waren beschlagen. Nach einiger Zeit klopfte er erneut, diesmal kräftiger. Links von ihm hörte er schwere Riegel zurückgeschoben werden, und nach kurzer Zeit fiel ein schmaler, langer Lichtstrahl in den Hof und wies ihm den Weg zur Tür, wie Perewanas Goldfaden Kamarus in der alten Sage in ihre Baumhöhle lockte.
Als Rewan zur Tür kam, beäugte ihn ein kräftig gebauter Mann, vielleicht dreißig Jahre älter als er.
»Kerl, was willst Du?«
»Guten Abend, ich bin Holzfäller und—«
»Nur so nehm ich keinen auf, auch nicht für eine Nacht, aber wenn Du was arbeitest, kannst Du im Heuschober schlafen.«
»Das wäre sehr—«
»Frau; hier ist ein Holzfäller«, rief der Mann ins Haus hinein, und bald tauchte hinter ihm ein haubenbesetzter Kopf auf.
»Hol ihn schon rein, Herr, ist doch eisig draußen«, und dann wiederholte sie, diesmal an Rewan gewandt: »Komm doch rein, Holzfäller, ist doch eisig draußen!«
Der Mann machte Platz und öffnete die Tür ein Stück weiter, wenn auch nur so weit wie möglich, und Rewan trat in das Haus. Ein langer, schmaler Flur war zu sehen, am Ende eine hölzerne Stiege und links und rechts Türen.
»Eure Güte heiligt Euer Haus«, floskelte Rewan an den Mann gewandt und verneigte sich dann kurz zur Frau hin. Als er dann jedoch wieder den Flur entlang blickte, sah er auf der Stiege eine wundersame Gestalt stehen, barfüßig war sie, mit einem weißen Spitzenkleid als Schlafgewand, und umgeben war ihr zartes Gesicht von langem Haar, so schwarz, dass die sternenlose Nacht dagegen brannte wie ein Loderscheit. Ihre zierliche Hand hielt sich mit einer zerbrechlichen Anmut am Stiegengeländer fest, und Rewan hörte ein helles Lachen, so unschuldig und gradheraus wie ihr feiner Blick, als er sich verschämt zum Boden wandte.
»Fernia! Mach, dass Du hochkommst!«, bellte der Mann, und Rewan spürte nichts als Empörung, wie er dieses heilige Geschöpf nur mit solchen Worten bedenken konnte.
Missmutig blickte der Mann Rewan an, während die Frau sich eilte, durch die rechte Tür in die Stube zu gehen. Rewan blickte ihr hinterher und sah, wie sie alte Decken und Kissen aus einer großen Truhe zusammensuchte und vor dem offenen Feuer des wuchtig gemauerten Kamins ausbreitete.
»Komm rein, Holzfäller!«
»Frau!«, rief der Mann: »In den Schober schick ich ihn, nicht in die Stube!«
»Aber Herr«, meinte die Frau, und Rewan konnte nicht sagen, ob nur Lieblichkeit oder auch Neckerei in ihrer Stimme lag, »warst Du draußen? Weißt Du wie kalt es ist? Ich könnt’s mir nie verzeihen, schliefe er draußen, und wenn wir ihn morgen erfroren aus dem Heu ziehen, bringt’s uns auch nichts.«
»Aber das Heu wärmt doch auch!«
»Das Heu wärmt auch…also wirklich. Dann schlaf Du doch im Heu, wenn das so gut wärmt! Ich schick den armen Jungen heute nicht mehr vor die Tür. Ganz verfroren sieht er aus. Komm her, Holzfäller, wir gehen jetzt auch schlafen, und Du wirst schon schlau genug sein, nichts Unanständiges zu versuchen. Morgen haben wir Arbeit. Komm, Herr.«
»Rewan.«
»Was?«, fragte der Mann verdutzt.
»Ich heiße Rewan.«
»Ahja«, brummte der Mann. »Ich bin Matris und das ist meine Frau Sarea. Gute Nacht, Rewan.«
Rewan erwiderte den Gruß und legte sich die ausgebreiteten Decken und Kissen zurecht, um bald vor dem niederbrennenden Feuer einzuschlafen.

Als Rewan am nächsten Morgen aufwachte, fröstelte es ihm, und die kleinen Fenster der Stube standen weit offen. Vor Kälte jammernd stand er in eine der Decken gehüllt auf und wollte das erste Fenster schließen.
»Aber Halt!«, rief da eine zarte Stimme, und ohne sich umzudrehen, wusste Rewan, dass es sich um das schwarzhaarige Mädchen mit dem feinen Blick handelte, das der Mann gestern Fernia genannt hatte. Verlegen wischte er sich den gröbsten Schlaf aus den Augen und drehte sich um.
»Aber es ist so kalt draußen, da macht man doch nicht die Fenster auf!«
»Dummerchen«, kicherte das Fräulein Fernia, und Rewan fiel auf, dass sie immer noch ihr spitzenbesetzes Nachthemd trug. »Man muss nach dem Schlafengehen lüften! Außerdem wartet Mutter in der Küche, um Dir Frühstück zu geben und Arbeit.«
»Wo ist Dein Vater? « Verlegen versuchte Rewan, die Kissen und Decken zusammenzulegen, aber Fernia nahm ihm alles aus der Hand.
»Du machst das ganz falsch, ich mach das schon. Vater ist die Winterernte sähen. Geh nun in die Küche«, schalt sie ihn.
Wortlos nickte Rewan und ging in die Küche, die über den Flur gegenüber der Stube lag.

Einen Monat arbeitete Rewan nun schon auf dem Hof, und hauptsächlich fällte, spaltete und schichtete er Kaminholz für den Winter, für diesen und alle anderen Höfe, doch manchmal half er auch bei der Saat oder begleitete den Hofherrn Martis, der Rewan nicht über Nacht mit seiner Frau und Fräulein Fernia allein lassen wollte, nach Kamwin, wo sie Geschäfte tätigten. Einige Male begegnete Rewan seinen Holzfällerkameraden, doch die Freundlichkeiten beschränkten sich auf einige gefällige Worte und Umtrünke.
Fräulein Fernia hingegen hielt Rewan in einem steten Zauber gefangen, und kaum ging sie an ihm vorbei, da hatte er alle Arbeit vergessen, bis sie ihm einen tadelnden Blick zuwarf, und sogleich war er bemüht, seine Arbeit wieder aufzunehmen und besser und besser auszuführen als zuvor.
Bald schon ließ auch Fräulein Fernia merken, dass sie Rewan gegenüber nicht gleichgültig war, und so trafen sie sich von Zeit zu Zeit, gingen heimlich spazieren oder aber Fräulein Fernia saß einfach nur dick in Wolle eingepackt auf einer Bank und sah ihm zu, wie er Holz spaltete.

Als Rewan einmal vom Holzschichten ins Haus gehen wollte, stand Martis mit schwerem Blick in der Tür. Er bedeutete Rewan, ihm zu folgen, und sie gingen in den Heuschober.
Unbehaglich trat Rewan von einem Fuß auf den anderen, um nicht auszukühlen, und vom Stall nebenan hörte er das Schnauben der Kühe.
»Rewan«, begann Martis, »dies ist ein ehrbarer Hof. Wir haben vielleicht nicht so viel wie die Menschen in Kamwin, aber doch genug, und damit möchten wir es halten. Weder meine Frau noch ich möchten unsere Tochter verlieren, denn mehr als sie haben wir nicht für unser Alter, und so bleiben Dir zwei Möglichkeiten: Entweder schnürst Du Dir Dein Bündel und verlässt unseren Hof, oder Du nimmst sie zur Frau.«
Rewan war sprachlos. Kein Wunsch schien ihm größer als jener, Fernia zu heiraten! Doch kannten sie sich nun erst einen Monat, und es war wohl unsittlich, nach dieser kurzen Zeit und noch dazu ohne Verlobung eine Hochzeit zu feiern. Andererseits war es wohl unsittlich, als Holzfäller ohne Stand und Namen um das Töchterchen eines Hofherrn zu werben.
Er zögerte, blickte dann im Stall umher.
»Ich tu’s, Fernia soll meine Frau sein.«

Nach der Hochzeit, die im Dorf trotz der Winterkälte mit großen Freuden begangen wurde und den Flussleuten Anlass gab, an Fisch und Musik ihr bestes beizusteuern, zog Rewan zu Fernia in den ersten Stock. Wie im Erdgeschoss war dort ein Gang, und während im warmen Zimmer über der Stube die Eltern schliefen, die nun auch Rewans waren, schlief das frischvermählte Paar im Zimmer über der Küche.
Der Schnee kam und ging, und kaum schoss die Gerste aus den Feldern, erwartete Fernia ein Kind. Während der Erntezeit trug Rewan die blumenbekränzte Fernia auf beiden Armen durch das Dorf; sie badeten mit den Flussleuten und abends brieten sie Stockfisch und sangen. Bald war der Sommer vorüber, Fernias Zeichen der Leibesfrucht wuchs an und fast ein Jahr auf den Tag, dass Rewan Fernia im bestickten Nachthemd auf der engen Stiege sah, setzten die Vorwehen ein.

Rewan hörte seine Frau im Gemach schreien, und so schmerzerfüllt und unleidig klang dieser Schrei, dass er von der Stube die Stiege heraufstürzen wollte, doch schon kam ihm Sarea entgegen.
»Hol die alte Kremte, schnell! Es ist soweit!«, rief sie, um dann kehrtzumachen.
Wie ein wahnsinniger Ochse schlug sich Rewan aus dem Haus und rannte mit Leibeskräften zum Fluss.
»Alte Kremte!«, schrie er, wild nach Atem ringend, und die Septembersonne spielte so gleißend auf dem Fluss, dass er kaum erkennen konnte, ob sich in den Hütten der Flussleute etwas tat, doch er glaubte, eine Tür gehört zu haben.
»Alte Kremte!«
»Ich komme, nichts—«
»Es ist soweit!«, rief Rewan, und gleich darauf fiel ihm auf, dass er die alte Kremte wohl aus keinem anderen Grund so scheuchen würde.
Das alte und bucklige Weib mit den lichten, grauen Haaren raffte die Rockschöße und beeilte sich, den Hang zu den Höfen zu nehmen. Rewan folgte ihr, voller Angst und Ungeduld.
Als sie am Hof angelangt waren und die alte Kremte endlich die steile Stiege erklommen hatte, hörte er einen weiteren Schrei, doch schon klang Sehnsucht in den Schmerzen mit.
Einen Blick warf Rewan ins Zimmer, sah Fernia und Sarea und Blut auf Fernias sonst so weißem, bestickten Nachthemd, da schloss die alte Kremte mit einem durchdringenden Blick die Tür.
Er hörte einen weiteren, leisen Schrei, und dann war Stille. Unruhig lief er den kleinen Flur auf und ab, stieß sich an der Dachschräge den Kopf an, und blickte in das Gemach der Eltern, in dem Martis schweigend und schwitzend auf dem Bett saß.
Endlich öffnete sich die Tür wieder und die alte Kremte trat heraus. Ihr durchdringender Blick hatte nun Traurigkeit, und als sie Rewan ein kleines Bündel in die Arme legte, war er erst nicht gewahr, worum es sich handelte. Die alte Kremte und Sarea gingen die Stiege hinab, und auch Martis folgte ihnen. Eine endlose Stille breitete sich aus, denn das Schluchzen, das Rewan nun hörte, stand abseits der Zeit.
Rewan besah das Bündel in seinen Armen, und dort lag, eingewickelt in weißes Leinen, eine blutverschmierte, entstellte Puppe, ein unnatürliches Kind, mit großen, mandelförmigen Augen, blödem Blick und hängender Zunge, und es schrie nicht einmal.
Mit Grauen blickte Rewan um die Ecke in die nun offene Tür, und dort lag Fernia auf dem Bett, die Augen geschlossen und die gesteppte Bettdecke über ihr und die Hände gefaltet, und dann immer noch das Blut überall. Fernia war tot. Seine Frau war gestorben, und alles was er von ihr hatte, war ein Bündel krankes Fleisch, das er nun in seinen Armen hielt.
»Ein Dämonenkind«, hörte er die alte Kremte tausend Welten in der Ferne sagen, dann setzte er sich neben seine Frau, hielt ihre Hand und wartete.

Es dauerte viele Wochen, bis Rewan sich wieder überwinden konnte, im Totenzimmer seiner Frau zu schlafen, und nach einer Nacht, in der er solche Albträume durchlitt, dass Martis und Sarea wegen des Geschreis kaum zur Ruhe kamen, zog er wieder in die Stube, auf seine Decken und Kissen neben dem Kamin. Das entstellte Kind wurde widerwillig von einer jungen Mutter der Flussleute gestillt, nachdem die alte Kremte lange auf sie eingeredet hatte. Wenn Rewan das Kind zum Stillen brachte, hörte er die Flussleute reden.
»Ein Dämonenkind ist das; ein Flussdämon ist der Mutter beim Baden in den Leib gefahren. Das blöde Kind wird noch viel Unglück bringen! Und eine entstellte Hässlichkeit hat es an sich, dass es einen schaudert.«
Bald begannen auch die Bewohner der Höfe, in diese Rederei einzufallen, und Rewan erntete böse Blicke, wenn er mit dem Kind auftauchte.
Dieses Kind! Dieses widerliche Kind! Nie würde es Fernia ersetzen können, nie ihr auch nur in einer Eigenschaft vergleichbar sein.
Nur einer war im Dorf, der in das Gerede nicht einfiel, und das war ausgerechnet einer der Flussleute, ein Mann in Rewans Alter namens Tarin.
Martis und Sarea waren mit großem Kummer überkommen; still lebten sie auf dem Hof und gingen kaum noch ins Dorf. Sarea kümmerte sich mit großer Liebe um das kranke Kind, doch so sehr sie Rewan auch drängte, so konnte er sich nicht durchringen, ihm einen Namen zu geben, so groß waren seine Angst und sein Hass auf das Kind.
Rewan verbrachte seine Abende nun oft bei Tarin, mit dem er sich gut anfreundete. Tarin war ein Wilderer, was trotz der hohen Strafen auf Wilderei ein offenes Geheimnis im Dorf war, doch einerseits fühlten sich die Flussleute nur an ihre eigenen Gesetze gebunden und zweitens scherte man sich im Dorf sowieso nicht viel um Gesetze, solange alles seinen rechten Gang nahm. Die Abende mit Tarin ließen ihn das Kind vergessen und auch Fernia, die nun mit einem kleinen Gedenkstein bezeichnet entlang des Trampelpfads zur Straße ruhte. Ein Grab in den Wäldern wäre von den Wölfen, ein Grab in den Feldern von den Pflügen aufgegraben worden, und eine Bestattung im Fluss, wie es mit den anderen Toten des Dorfes gemacht wurde, wurde von den Flussleuten abgewehrt, die befürchteten, dass der Flussdämon so aus Fernias Leib wieder ins Wasser kommen und in die nächste Frau fahren würde.
Zwar versicherte Tarin ihm mit großer Eindringlichkeit, dass keine Wahrheit im Gerede über den Flussdämon war, doch Rewan konnte seine Liebe zum entstellten Kind nicht finden, denn gäbe es dieses Kind nicht, dann gäbe es Fernia noch, und was nun hässlich war, wäre dann noch schön, und was nun ungeschickt und blöde war, wäre dann noch sanft und klug.
Nur einen gab es, der an Fernia heranreichen konnte, und wenn es doch nicht mit Fernia vergleichbar war, so entwickelte Rewan doch eine große Liebe zu Tarin. Wenn auch Tarin diese Liebe merkte und erwiderte, so verunsicherte sie Rewan doch, denn weder war eine solche Liebe sittlich, noch wollte er Fernias Liebe ersetzt wissen.
Ein Jahr ging ins Land, und bald hatte das Kind Geburtstag.

Rewan kam spät von einem seiner Abende mit Tarin zurück zum Hof, und dank gehöriger Mengen Bier war er in ausgelassener Stimmung. Doch als er den Hang zu den Höfen betrat, stach ihm ein verbrannter Geruch in die Nase, ganz schwach und leise, wie eine Ahnung nur. Da sah er die glühenden Fensterscheiben des Hofs, doch anders als vor zwei Jahren, als er sie zum ersten Mal gegen die kohlenschwarze Nacht sah, glühten sie nun tatsächlich, und Flammen schlugen aus den Dachfenstern, leckten die Schindeln entlang, wandelten Holz in dicken, verlorenen Rauch und lautes, berstendes Knistern.
Entsetzt schrie Rewan und rannte zum Hof, riss die Tür zum Haus auf. Der Luftzug fachte die Flammen weiter an.
»Martis, Sarea!«, brüllte Rewan, heulte und brüllte und heulte, und wurde ganz leise, als er durch das Krachen und Zischen ein leises Weinen hörte, unhörbar fast wie das Fiepen eines gefangenen Maulwurfs, der in seiner Blindheit das Schicksal fühlt, bevor ihn ein Dorfkind zum Spaß erschlägt. Und Rewan wusste, das war sein Kind, und sei’s um Angst und Hass wie es sei, so war es doch das einzige, was ihm von Fernia blieb, und war es doch entstellt und blöde, so hatte Fernia, die feine, liebe Fernia in ihrem weißen Spitzennachthemd doch ihr Leben für dieses Kind gegeben.
Rewan rannte ins Haus, folgte dem Weinen in die Stube, und dort, beinahe schon umlodert, stand der Weidenkorb neben seinen Decken und Kissen, die wieder lagen, als hätte sie seine Frau gerade für seine erste Nacht gelegt, und in diesem Weidenkorb lag das Kind; das Kind, das sonst nie einen Laut hervorbrachte, und weinte jämmerlich. Rewan nahm den Weidenkorb und stürmte aus der Stube.
»Martis, Sarea!«, schrie er erneut.
Er wollte die Stiege hinauf, in ihr Gemach, doch die Flammen hatten die Stiege schon genommen, und brennende Balken verschütteten den Weg. Rewan stimmte in das leise Weinen des Kindes ein, stolperte aus dem Haus und sah zu, wie das Feuer alles fraß, das ihm etwas bedeutete, alles außer Tarin und dieses kranke Kind seiner Fernia.
Die Flammen griffen auf den Schober und den Stall über, und die Kühe stießen panisch gegen das Gehege, in dem sie eingesperrt waren. Bald hatten sie es durchbrochen und jagten brüllend und wild und angesengt durchs Dorf.
Der Lärm weckte die Dorfbewohner, und bald hatte sich eine große Menschenmenge um den Hof gebildet; Löschketten vom Fluss herauf reichten Wassereimer, und so konnte wenigstens erreicht werden, dass das Feuer nicht auf die anderen Höfe übergriff; den Rest ließ man niederbrennen. Und Rewan und die Missgeburt im Weidenkorb ließ man stehen.
Er nahm das Kind, das nun ohne einen Menschen war, der es liebte, aus dem Weidenkorb in seine Arme, und wärmte es; wärmte es bis ins Morgengrauen, dessen Nebel sich mit dem Rauch vermischte und kühlen Tau auf der noch heißen Asche verdampfen ließ. Und da stand der Kamin, stand, als wäre um ihn herum noch ein Haus, als lägen dort noch die Decken und Kissen, als könnte sich Rewan dort niederbetten und nie mehr aufwachen.
Hinter Rewan kam jemand näher.
»Komm mit.«
Es war Tarin.

Tarin ließ Rewan und sein krankes Kind bei sich wohnen, und auch wenn unter den Flussleuten viel Ärger darüber herrschte, dass das Dämonenkind nun unter ihnen war, so traute sich doch niemand, Tarin sein Hausrecht streitig zu machen.
Gerade die alte Kremte sprach sich stets für das Kind aus, denn sie glaubte fest daran, dass das kranke Kind nicht böse, sondern nur verflucht sei, und der Fluch mit den richtigen Opfern an den Flussdämon gebrochen werden könne.
Dennoch nutzte die Dorfbevölkerung jede Gelegenheit, Tarin, Rewan und dem Kind das Leben schwer zu machen, verkaufte ihnen nichts mehr, ließ sie nicht bei sich sitzen und beschimpfte sie auf der Straße. Bald verließen sie nicht mehr die Hütte, und Gerede, dass die beiden Männer ein unsittliches Verhältnis pflegten, nahm zu. Die herzlichen Menschen von Felorn wurden kalt, Streitigkeiten mehrten sich und bald trennte sich das Dorf vollkommen in die Flussleute und die Hofbewohner, die sich kaum in die Augen sahen. Waren die Flussleute den Hofbewohnern zu ungestüm und einfach, so waren die Hofbewohner den Flussleuten zu wohlhabend und bäuerlich. Nur noch der Hass auf das Dämonenkind einte die Bewohner von Felorn.
Eines Nachts im Frühling wurde Rewan von Tarin unsanft geweckt.

»Rewan, steh schnell auf, nimm, was Du tragen kannst, wir müssen weg!«, flüsterte Tarin aufgeregt und verängstigt.
Schlaftrunken richtete Rewan sich auf: »Wie redest Du daher? Was ist los?«
»Die alte Kremte war gerade da; einige der Dorfleute haben meine Wilderei an die Miliz verraten, und uns bleibt nicht viel Zeit, bevor sie eintrifft!«
Rewan sprang auf. Er zog sich an, packte in den Weidenkorb, was hineinpasste und von ihm für wichtig erachtet wurde, schulterte das schlafende Kind, das nun schon zu groß für den Weidenkorb geworden war, mit der anderen Hand und nickte Tarin zu, der seinerseits einen großen Sack beladen und Köcher und Bogen umgehängt hatte. Leise schlichen sie sich zur Tür hinaus.
»Den Trampelpfad zur Straße können wir nicht nehmen«, flüsterte Tarin, »da laufen wir der Miliz ins Messer. Wir müssen über die Felder in den Wald.«
Die nächtliche Frische zog schnell in ihre Kleider, und Rewan war voller Sorge, dass das kranke Kind erwachen und weinen könnte. Er erwägte kurz, ob er das Kind im Notfall fallen lassen sollte, um schneller fliehen zu können, bevor er sich selbst schalt; erschrocken über seine eigenen Gedanken.
Sie kamen über die Felder schnell voran. Tarin bildete den Abschluss der Gemeinschaft und versuchte in der Eile so gut wie möglich, die Spuren in der feuchten Erde zu verwischen. Bald hatten sie den Waldrand erreicht und sich über Gräben und durch Brombeersträucher ins Unterholz geschlagen.
Atemlos setzte Rewan den Weidenkorb ab, ließ sich auf den weichen, feuchten Waldboden nieder und legte das immer noch schlafende Kind in seine Arme. Tarin setzte sich, ebenso um Luft ringend, neben ihn.
»Und jetzt?«, fragte Rewan mit kalter, zittriger Stimme.
Tarin schluckte. »Wir können nie wieder zurück nach Felorn. Wir können auch nicht nach Kamwin, und im Süden ist es unwirtlich. Wenn wir den Fluss überqueren und über Kamwin hinaus in den Norden gehen, kommen bald die Berge. Die Berge sind frei. Dort könnten wir leben.«
»Und wie überleben wir dann?«
»Was ich hier jagen kann, kann ich dort auch jagen. Und Du fällst Holz. Wie hier.«
»Das klingt wie eine Familie«, erregte sich Rewan leise, und der Ärger in seiner Stimme erschreckte Tarin. »Als wärst Du meine Frau. Du bist aber nicht meine Frau, Du wirst nie wie Fernia sein können. Und diese Missgeburt ist nicht Dein Kind, Du hast damit nichts zu tun. Glaub nicht, dass Du irgendwelche Verpflichtungen hast, Tarin, oder dass ich Dich bräuchte; solche Gedanken schlag Dir gleich aus dem Kopf!« Als er Tarins erschrockenen Blick sah, konnte Rewan kaum schlucken, so schwer lagen die Worte in seinem Mund, und er begann still zu weinen.
Langsam begann Tarin, das kranke Kind auf Rewans Schoß zu streicheln.
»Was machst Du da? Ich hab gesagt, das ist nicht Dein Kind.«
»Warum nicht?«, frug Tarin. »Du willst es ja nicht.«
»Wer sagt, dass ich es nicht will? Du falscher Fuchs, lass mich in Ruhe, Du Weibskerl!«
»Wenn Du es willst, warum behandelst Du es dann so schlecht? Du liebst Dein Kind doch gar nicht.«
»Wieso sollte ich diese kranke Missgeburt denn lieben? Fernia ist deswegen gestorben, und es hat sich nicht einmal—«, Rewan schluchzte. »Es war ganz umsonst.«
»Du bist so blöde, Rewan, blöder als es dieses Kind jemals sein könnte. Ich will nicht Deine Frau sein und ich will sie nicht ersetzen. Ich will Dein Freund sein, und nie könnte ich Dir etwas antun, was Du nicht möchtest, aber Du weißt ja nicht einmal selbst, was Du möchtest. Wenn Deine Frau so wunderbar war, und Du bist es auch— Wie kann dann euer Kind etwas anderes sein? Alles, was Du von diesem Kind weißt, siehst Du durch Hass und Angst, und dummes Gerede der Flussleute bringt Dich dazu, das größte Geschenk Deiner Frau so zu missachten! Nicht einmal die alte Kremte war so blind wie Du. Ich liebe Dich, blöder, blinder Rewan, und ich will mit Dir sein und mit dem Kind, und ich will auch das Kind lieben, mit allen Makeln und Schönheiten, denn größer kann man Deine tote Frau nicht ehren.«
Rewan saß eine ganze Weile schweigend da und begann dann, ganz behutsam, sein Kind zu streicheln, das Kind von Fernia und Rewan mit den Mandelaugen und der hängenden Zunge und dem großen Kopf und der zierlichen Gestalt, dem schwarzen Haar und den zarten, kleinen Händen.
»Ja.«
Dann küsste er Tarin.
Tarin und Rewan und das Kind, das so schön war wie seine Frau, wie es schlafend in seinem Schoß lag, in einer Hütte in den Bergen, jagend und Holz fällend und spielend.
Es tat sich eine ungewöhnliche Schönheit auf in diesem Gedanken, und von da an hatte Rewan keine Angst mehr vor seinem kranken Kind.

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Kommentar

Angela

Verfasst am 21. Januar 2012 um 08:57 Uhr

Wau, echt rührend. Mir kullern grad die Tränen über die Wangen …

Feal

Verfasst am 21. Januar 2012 um 11:58 Uhr

Danke! =] So ging’s mir beim Schreiben auch teilweise.

Hans

Verfasst am 8. März 2012 um 19:53 Uhr

Und wenn mich jemand fragt, worum es in der Geschichte ging, dann antworte ich mit dem, was Anja ab 5:44 sagt.
“Um Schönheit, um Bewältigung, um Konfrontation.”
http://www.youtube.com/watch?v=hBy_tOCnQtc
Ich hoffe, das ist ok.

Feal

Verfasst am 8. April 2012 um 21:58 Uhr

Mehr als okay; vielen Dank! =)

Jürgen Sievers

Verfasst am 8. April 2012 um 22:10 Uhr

Es war so schwer zu lesen, die Sätze verschwammen vor meinen Augen und die Hoffnung für diese Kinder wollte mir die Luft abschnüren.

Und Du hast das für “unsere” Piraten-Marina geschrieben?

Und darum haben wir sie nun noch?

Wo soll das noch hinführen j.

Feal

Verfasst am 8. April 2012 um 22:26 Uhr

Ich glaub eher, ihr Tweet mit dem noch-Haben bezog sich auf meine Tätigkeit als ihr Assistent, nicht auf diese Geschichte. ;-)

Jürgen Sievers

Verfasst am 3. Mai 2012 um 18:47 Uhr

Schade, ich fand meinen Irrtum irgendwie romantischer.

Das tut Deinem Text aber keine Abbruch, ein wirklich mitnehmende, emotionale Geschichte. Du solltest nur noch in der Programmiersprache POESIE entwickeln.

mfg
Jürgen

Bachpirat

Verfasst am 24. Mai 2012 um 04:17 Uhr

Durch das Mandarinkartell auf Deine Tätigkeit gestoßen. Dadurch diesen Blog entdeckt. Auch ich wäre nie zu einer “Spaßpartei” oder “Gratispartei” gegangen. Bin regelrecht aufgewühlt, denn hier wirkt diese unerklärliche, afelitisch-magische Kraft, die in Verbindung mit unseren großen politischen Zielen so … ansteckend und motivierend ist. Die musische Fraktion ist ohne Zweifel eine unserer tragenden Säulen. Brillant.