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Intransparenz

19·3·2012 — Politisches2 Kommentare

Seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass sich »Transparenz« in die Liga der beliebten Politiker-Substantive einschleicht, in der sich – unter anderen – schon »Freiheit«, »Demokratie«, »Bildung« und »Wohlstand« befinden. Definitionsversuche der Transparenz, die über reine Schlagwortqualitäten hinausgehen, gibt es auch einige, und auch Wikipedia wartet mit »Transparenz (Politik)« auf:

Transparenz ist in der Politik ein Zustand mit freier Information, Partizipation und Rechenschaft im Sinne einer offenen Kommunikation zwischen den Akteuren des politischen Systems und den Bürgern.

Schwierig an dieser Definition ist, dass sich hieraus abgesehen vom vielgerühmten gesunden Menschenverstand kaum Kriterien ergeben, die die Transparenz eines Zustandes bewerten lassen.

Auf der Suche nach solchen Kriterien erschien es mir sehr viel einfacher, Kriterien zur Feststellung einer vorliegenden Intransparenz festzulegen. Dieses Index- oder auch Schwarzlistenverfahren geht vom Idealzustand – in diesem Fall natürlich dem der politischen Transparenz – aus und untersucht dann, mit welchen Kriterien sich eine Abweichung vom Idealzustand beschreiben lässt. Angewandt wird das etwa beim Blocken mancher URLs durch einen Adblocker, um eine Werbungsanzeige im Browser zu verhindern, oder auch im Strafgesetzbuch, wo Straftatbestände aufgezählt werden, anstatt umgekehrt erlaubte Handlungen aufzuführen. Hier sind Anzeigen respektive Straftaten Abweichungen vom Idealzustand. Wie gestalten sich also Abweichungen vom Idealzustand der Transparenz, also, grob formuliert, der Zugänglichkeit politischer Informationen? Das Problem ist ähnlich dem Auffinden einer Adresse in einer Großstadt. Zur Vereinfachung der Definition und ihrer Beispiele werde ich das Politische großteils beiseite lassen, und nur generelle Kriterien zur Informationsunzugänglichkeit ausarbeiten: Sie im Nachhinein nur auf bestimmte Teilbereiche anzuwenden, dürfte nicht allzu schwer fallen, sofern diese Teilbereiche wiederum gut von anderen abgegrenzt sind.

Die offensichtlichste Abweichung findet sich in Form der Seklusion, also der Zugangsverhinderung. Bezogen auf unsere Großstadtanalogie wäre das eine dicke und unüberwindbare Mauer, die um unser Haus gezogen wurde. Seklusion lässt sich in bekannte und unbekannte Seklusion unterteilen: Bekannte Seklusion wäre lediglich eine unüberwindbare Mauer: Die Existenz der Adresse dahinter wäre also prinzipiell bekannt – ob nun offiziell oder inoffiziell, das sei dahingestellt. Eine unbekannte Seklusion wäre hingegen wie der Grimmauldplatz Nummer Zwölf aus Harry Potter: Nur Eingeweihte wissen von der Existenz der Informationen.

Ein Sonderfall der Seklusion ist die Obstruktion, also die »Verschüttung« von Informationen, die einst auffindbar waren. Diese Verschüttung kann unfreiwillig (Verlust, Anna-Amalia-Bibliothek) oder freiwillig (Zerstörung, Stasi-Akten) passieren. Eine tägliche Obstruktion tritt bei im Gedächtnis bewahrten Informationen auf, wenn Menschen diese vergessen oder sterben. Eine Obstruktion verlangt also, anders als die Seklusion, stets die Betrachtung eines Zeitraumes. In der Großstadtanalogie wäre eine Seklusion die zwölf Meter tief in der Erde verborgene römische Stadtmauer.

Doch auch prinzipiell zugängliche Inhalte können intransparent sein; und zwar dann, wenn sie das Kriterium der Obskurität, also des »Versteckens«, erfüllen. Obskurität ist immer dann gegeben, wenn eine zugängliche Information so in einer Ansammlung anderer Informationen verborgen ist, dass ihr Auffinden übermäßig erschwert wird. In der Großstadtanalogie entspräche das dem Suchen einer Adresse ohne Karte, also schlichtweg durch das Ablaufen der gesamten Stadt. Auch Obskurität lässt sich freiwillig (das Verbergen eines wichtigen Haushaltspostens irgendwo zwischen der Reinigung der Badeseen und der Bezahlung der Putzkräfte) und unfreiwillig (alles in ein Wiki schmeißen, dann wird man’s schon finden) schaffen.

Un Obskurität zu verhindern, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Ordnung a priori und die Ordnung a posteriori. Während die Ordnung a priori eine Verschlagwortung und Hierarchierung aller Informationen verlangt, wie es etwa auf einer Webseite oder in einem Karteikartensystem der Fall ist, wird eine Ordnung a posteriori bei Bedarf angefertigt und entspricht dem, was man landläufig im Internet als »Suche« kennt: Eine Suchmaschine fertigt also eine Ordnung a posteriori anhand gegebener Kriterien an und gibt diese dann aus. Da eine Ordnung meistens eine recht stupide Arbeit ist, erlangte die Ordnung a posteriori erst mit dem Aufkommen des Computers größere Bedeutung. Meistens wird eine Mischung beider Ordnungen eingesetzt.

Kurz zusammengefasst: Intransparenz kann durch Seklusion – dauerhaft oder in Form von Obstruktion – und Obskurität erreicht werden.

Doch inwiefern lohnt es sich, dort so zu differenzieren? Erstens lohnt es sich, um – wie Christopher Lauer geschrieben hat – nicht die Definitionsmacht aus der Hand zu geben: Schon jetzt wird, wie eingangs erwähnt, das Wort »Transparenz« inflationär und oftmals absolut ungerechtfertigt benutzt.

Zweitens gilt es, sich auch an der eigenen Nase zu packen. Gerade Intransparenz durch Obskurität ist auch in der Piratenpartei weit verbreitet. Das Haupthindernis am vielgerühmten Mitmachen ist derzeit meines Erachtens nicht, dass keine Möglichkeiten dazu vorhanden wären, sondern dass es aufgrund der großen Informationsfülle und der vergleichsweise schlechten Ordnung dieser Informationen ein enormer Aufwand ist, einen aktuellen Wissensstand zu ermitteln, also vom passiven Einlesen zum aktiven Mitarbeiten zu kommen.

Wenn wir verhindern wollen, dass sich schlichtweg dadurch eine Elite in der Piratenpartei bildet, dass man unverantwortbar viel Zeit braucht, um vom Konsumenten zum Produzenten zu werden, ohne aufgrund seines Unwissens getrollt zu werden, dann müssen wir daran arbeiten, unsere Informationen möglichst bereits bei der Erstellung zu kategorisieren, dafür klare Regeln zu schaffen, diese Informationen in unterschiedlichen Detailgraden aufzuarbeiten, inaktuelle Informationen entsprechend zu kennzeichnen und festzulegen, wo manche Informationen zu finden sind. Das kann nicht irgendein Vorstand machen, das können nicht die Wiki-Gärtner machen: Schon allein aufgrund der riesigen Menge an Informationen, die wir täglich produzieren, muss das jeder von uns machen, der Informationen bereitstellt.
Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Neupirat derzeit auf Anhieb die Kategorisierung des Wikis versteht oder ein bestimmtes Pad findet.

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Kommentar

Jürgen Sievers

Verfasst am 8. April 2012 um 21:15 Uhr

Für Nichtakademiker etwas ungewohnt zu lesen, wegen der vielen nicht geläufigen Fremdworte, die dann aber – das wohl ahnend – doch alle gleich durch einfachere Worte erläutert werden. Dennoch, eine verblüffend einleuchtende, überzeugte Darstellung und eine, und das sage ich als jemand der sich versucht gerade im Piratennest zu orientieren, zutreffende Schlussfolgerung.
Darüber hinaus gefällt mir der Stile, das Layout dieser Suite außerordentlich.
Ich bleibe drann!
dank j.

Feal

Verfasst am 8. April 2012 um 21:57 Uhr

Vielen Dank für die netten Worte! =) Ich werde in künftigen Texten versuchen, das ein oder andere Fremdwort beiseite zu lassen. Liebe Grüße, Fabian.